New Haven works

Da ich ja seit Ende Juli auf Jobsuche bin, wurde mir "New Haven works" von einer Bekannten empfohlen. Sie sagte, es handele sich um eine neu-gegründete Organisation, die in Zusammenarbeit mit der Personalabteilung der Yale-University das Ziel habe, Jobs an der Yale-Uni verstärkt mit Bürgern von New Haven zu besetzen.

"Fantastisch!", dachte ich, und bin Anfang September zu einer der Orientierungsveranstaltungen gegangen. Da ich nicht wusste, ob womöglich bereits Personaler von Yale anwesend sind, habe ich mich mal vorsichtshalber in die Stoffhose mit Blüschen geworfen, dezentes Make-up aufgetragen und meine Brille aufgesetzt (sollte ich wohl öfter tun, denn immer, wenn ich sie alle Jubeljahre mal aufsetze, wird mir total schwindelig).

Hier ein kleiner Auszug an Dingen, die sich während der Veranstaltung abgespielt haben:

  • ich war weit und breit die einzige Person in Stoffhose etc. - selbst die Veranstalter von "New Haven works" trugen T-Shirt und Jogging-Hosen
  • andere Interessenten waren ebenfalls äußerst leger gekleidet und teilweise ungekämmt
  • das Formular, was ich ausfüllen sollte, enthielt Fragen wie z.B. ob ich zur Zeit einen Bewährungshelfer hätte und wenn ja, wer das genau ist oder ob und welche Drogen ich zur Zeit einnehme
  • zur Frage nach persönlichen Stärken sah ich auf dem Formular einer anderen Frau: "I am pretty easygoing", was soviel heißt, wie "ich bin total entspannt"
  • bei einer anderen Frage, die sie anscheinend nicht verstanden hatte, hat sie folgende Antwort eingetragen: ? :-(

An dieser Stelle habe ich mich natürlich bereits gefragt, ob ich die richtige Zielgruppe für diese Organisation bin. Dieser Zweifel verstärkte sich während der darauf stattfinden Gruppendiskussion zwischen insgesamt ca. 30 Interessenten und dem Gründer der Organisation. Dieser verkündete, er stünde zwar vor uns, könne aber ebenso gut unter uns sitzen, da er einer von uns sei, da er nämlich selbst arbeitslos sei. Diese Offenbarung veranlasste viele der anderen Interessenten, sich das Herz auszuschütten, wie unfair Yale-University sei, wieviele Bewerbungen sie dort schon eingereicht hätten und dass man ihnen noch nicht mal Rückmeldung dazu erteilt habe. An dieser Stelle taten mir die anderen Interessenten leid, auch wenn es ziemlich offensichtlich war, dass diese wahrscheinlich mit dem Verfassen einer Bewerbung bereits total überfordert waren und die ausbleibende Rückmeldung von Yale somit eine fast natürliche Konsequenz war.

Man muss hierbei den anderen Interessenten jedoch ein gewisses Maß an Fähigkeit zur Selbstkritik anrechnen. Denn plötzlich begann der ein oder andere über Probleme in der Vergangenheit, wie Kriminalität oder Substanzmißbrauch zu sprechen, die eine erfolgreiche Jobsuche natürlich erheblich erschweren. Naja, und so stellte sich dann nach und nach raus, dass die meisten der Anwesenden bereits schon mal für Yale gearbeitet hatten und aufgrund dieser Umstände dann aber ihren Job verloren hatten. Ein Mann erkundigte sich dann verzweifelt, ob Yale denn nicht sowas wie ein "Second Chance-Program" habe, was bei den anderen Interessenten einen Sturm der Begeisterung auslöste.

Der Gründer der Organisation erklärte dann, dass die Organisation ihr Bestmögliches unternehmen werde, um zu einem Job an der Yale-Uni zu verhelfen. Dafür sei der nächste Schritt ein persönliches Beratungsgespräch, für das man sich in einer Liste eintragen konnte. Trotz erheblicher Zweifel, hab ich mich trotzdem in die Liste eingetragen udn hatte vor einigen Tagen mein Beratungsgespräch mit Mrs. Bradley.

Mrs. Bradley ist eine big black Mama, die sehr freundlich und engagiert war. Zunächst haben wir gemeinsam überprüft, ob die Daten aus meinem Fragebogen und aus meinem Lebenslauf korrekt in ihre Datenbank übertragen worden waren. Wurden sie nicht - mein Studienabschluss sowie meine wissenschaftlichen Tätigkeiten fehlten in der Datenbank. Die arme Mrs. Bradley wusste dann anscheinend nicht, wie man "Psychology" buchstabiert - die ersten drei Versuche begannen jedenfalls nicht mit "P". Ich habe mich unbeholfen geühlt, wie ich reagieren sollte, denn ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass ich sie belehren will. Gott sei Dank, hatte ich meinen Lebenslauf dabei, den ich dann rausgeholt habe und ihr gesagt habe, sie könne die wichtigsten Sachen dort einfach abschreiben, worüber sie sehr froh zu sein schien. Sie hatte auch erhebliche Probleme mit der Tastatur - man konnte sehen, wie sie die Tastatur für jeden Buchstaben verzweifelt mit ihren Augen abgesucht hat. Naja, trotz allem haben wir es geschafft, gemeinsam die wichtigsten Informationen zusammen zu tragen und zu definieren, welche Art von Job ich suche. Mrs. Bradley gefiel jedoch nicht meine Liste von "Besonderen Fähigkeiten" (die sich alle auf wissenschaftliches Arbeiten bezogen) und ermunterte mich, die Liste zu erweitern, z.B. "Sehr gute Kommunikationsfähigkeiten". Ich gab dann zu Bedenken, ob das als Ausländerin überhaupt möglich sei, worauf sie eine kurze flammende Rede hielt, wie talentiert ich ihr erscheine, wie gut ich meine Sache als Ausländerin mache, dass "New Haven works" für mich Bewerbungsgespräche mit Yale arrangieren wird und dass mich die Personaler lieben werden, sobald sie mich persönlich kennenlernen.

Jetzt war ich wirklich gerührt, da ich das Gefühl hatte, dass diese Frau eigentlich viel weniger Möglichkeiten hat als ich und dennoch so motiviert und engagiert war, mir helfen zu wollen. Jedenfalls erwiderte ich, dass ich gerne etwas für dieses Engagement zurückgeben würde und sie solle mich anrufen, wenn die Organisation einen Personal-Engpass habe und dann würde ich einspringen und mit anpacken. Sie konnte es gar nicht glauben und machte sich gleich eifrig Notizen auf meiner Akte und in meinen elektronischen Daten. Als das Gespräch vorüber war, fragte ich sie nach ihrem Namen, damit ich sie weiterempfehlen könne. Da die ganze Organisation sehr informell ist, hatte ich eigentlich mit einer Antwort wie "Sharon" gerechnet. Sie baute sich aber ganz stolz vor mir auf, strahlte über das ganze Gesicht und sagte "I am Mrs. Bradley". Ich gab ihr die Hand und sagte:" It was such a pleasure to meet you, Mrs. Bradley - thanks for everything!" worauf sie hysterisch schrie:"Honey, you are such a sweetie - I love you!". Ist das goldig oder ist das goldig?

Naja, jedenfalls helfe ich dann also vielleicht demnächst bei weiteren Aktivitäten, was bestimmt interessant wird, da ich die anderen Interessenten nicht verstehe (nur Slang) und sie mich auch nicht (zu formal). Falls es soweit kommen sollte, werde ich darüber bei "Andi for the US" berichten.

"The US for Andi?"... hm, gute Frage... ;)

Also,

New Haven ist statistisch die viertgefährlichste Stadt in den USA (Kriminalität), wir haben verantwortungslose Vermieter, es gab in Connecticut seit meiner Ankunft schon 2 Tornadowarnungen, das Brot ist - bekannterweise - ekelhaft, (gesunde) Lebensmittel sind vollkommen überteuert, Postbeamte sind noch unfreundlicher als in Deutschland, SANDY...

Aber:

- die meisten Menschen hier sind unglaublich freundlich, insbesondere wenn sie erfahren, dass ich erst vor kurzem aus Deutschland hierhin gezogen bin

- ich bekomme ständig Komplimente wegen meines Englischs und wie taper ich sei (sehen die Amis also selbst ein ;))

- das Wetter hier ist zwar extremer als in Deutschland, tendenziell aber sonniger - das schlägt sich wirklich positiv auf Gemüt nieder!

- ich liebe das amerikanische Essen - besonders Ben & Jerry´s Ice-cream (davon hatte ich neulich allerdings eine Gallenkollik als ich 600ml auf einmal gegessen habe)

- New Haven ist eine sehr schöne Stadt. Im Zentrum gibt es viele sehr gute Restaurants und Bars und unser Stadteil Eastrock ist sehr schön grün, ruhig und idyllisch. Das "Naherholungsgebiet" (was für ein Wort!) "Eastrockpark" ist ca. 20 Minuten zu Fuß entfernt.

- die Landschaft ist hier sowieso teilweise unglaublich schön - man, wir sind mit dem Auto innerhalb von 30 Minuten am Strand!

- Manhattan ist nur 90 Minuten mit der Bahn!

- Shoppen macht mir hier auf einmal Spaß! Die Verkäufer sind alle irre freundlich und engagiert. Oft bekommt man Kaffee oder Wasser angeboten und viele Geschäfte haben eigene, gepflegte WCs

- man denkt nicht soviel über sich selbst nach  - wirklich, man hat nämlich andere Probleme ;) außerdem spielt sich ja alles in Englisch ab und dadurch denkt man nicht mehr auf Deutsch. Das ist wahrscheinlich das Schönste - dass man nicht ständig negativ über irgendwas nachdenkt. Ich denke hier fast gar nicht, außer beim Sprechen. Das ist total befreiend und ich hab fast nie schlechte Laune.

- man lebt sein Leben irgendwie viel bewusster, weil man das Gefühl hat, dass man nochmal völlig von vorne anfangen kann. Man ist viel kritischer, womit oder mit wem man seine Zeit verbringt und was man mit seinem Leben machen will.

- meine Schwiegereltern verhätscheln mit total, damit ich mich auch ja bloß wohl fühle - die sind echt total süß

- alle sind hier irgendwie viel entspannter und positiver als in Deutschland

- es gibt Frauen ohne Hochfrequenz-Schlumpfinen-Stimme :)

- die New York Mets, meine Lieblings-Baseball-Mannschaft

- und, last but not least: ich kann mit diesem süßen Kerl hier, in den ich mich vor 4 Jahren sofort verknallt habe, jeden Tag zusammen sein :)))


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